1. Einleitung

2. Deutsch - Dänisch

3. Hochdeutsch – Friesisch

4. Hochdeutsch – Niederdeutsch

 

 

1. Einleitung

 

Das neunzehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert, in dem romantische Vorstellungen von Nation und Volk mit Sprache in kultur- und nationalpolitischen Diskussionen und Maßnahmen verbunden wurden. Dies ist in ganz Europa zu beobachten und ist an vielen Fallbeispielen von Sozialhistorikern und Soziolinguisten untersucht worden, so z.B. die Rolle des Flämischen bei der Emanzipation Belgiens zwischen Napoleon und Unabhängigkeit (Vandenbussche et al. 2005), die Entstehung der künstlichen norwegischen Standardsprache Landsmal als Antwort auf das als zu dänisch empfundene Bokmal (Jahr 2007) oder die komplexen Sprachverhältnisse in Galizien, wo Ruthenisch, Galizisch und Deutsch miteinander im Wettbewerb waren (Ptashnyk 2007). Das für Sprachwissenschaftler besonders Interessante am 19. Jahrhundert ist die Frage, inwieweit Sprache verwendet, manipuliert oder bewertet wird, um nationale Entitäten und Identitäten herzustellen bzw. zu negieren. Durch die ideologische Gleichsetzung von Sprache und Volk / Nation bekommt die Existenz einer eigenen – und namentlich identifizierbaren – Sprache  eine besondere Wichtigkeit, denn, so wurde argumentiert und vorausgesetzt, ohne eigene Sprache kann es auch kein eigenes Volk geben.[1] Der weitere Schluss, dass für jedes Volk nur eine Sprache möglich ist, führte dann unweigerlich zu ernsten Konflikten, denn natürlich waren viele europäische Regionen mehrsprachig. Im 19. Jahrhundert wurden diese Regionen des Sprachkontakts zu Regionen des Sprachkonflikts. Dies findet sich auch in Schleswig-Holstein:

 

Das Herzogtum Schleswig, das seit dem Mittelalter ein solches Sprachkontaktgebiet gewesen war, entwickelte sich im 19. Jh. deutlich zu einem Gebiet des Sprachkonflikts, wo Sprache zunehmend [...] zum ideologischen Instrument politischer Auseinandersetzungen gemacht wurde. (Dyhr 1998: 101)

 

Für die Geschichte Schleswig-Holsteins ergeben sich in erster Linie drei Fälle von Sprachkontakten, die es anhand der oben formulierten Fragestellungen zu untersuchen gilt: Hochdeutsch und Dänisch, Hochdeutsch und Friesisch, sowie Hochdeutsch und Niederdeutsch.

 

 

2. Deutsch - Dänisch


Der nationalpolitische Status des Herzogtums war sicherlich schon vor 1800 kompliziert. Der König von Dänemark war gleichzeitig auch Herzog von Schleswig und von Holstein, aber Holstein war auch Teil des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation und somit war der dänische König – als Herzog von Holstein – auch Lehnsmann des deutschen Kaisers. Sprachlich war die Aufteilung nicht weniger bunt als heute. Der Großteil Dänemarks sprach Dänisch, wobei die Muttersprache des Königshauses, wie auch die Kommandosprache des Militärs (Winge 2009), bis ins späte achtzehnte Jahrhundert Deutsch war. Im Herzogtum Schleswig fanden sich neben Dänisch auch Deutsch, Niederdeutsch, Sønderjysk – als regionaler Dialekt des Dänischen - , und Friesisch, und im Herzogtum Holstein bestand eine diglossische Situation, in der Hochdeutsch die einzige Schriftsprache war, während das Niederdeutsche als gesprochene Sprache auch von den obersten Sozialschichten bis weit in das neunzehnte Jahrhundert benutzt wurde.[2]

In diesem Jahrhundert sehen wir auch den Wechsel von friedlicher Mehrsprachigkeit zu politisiertem Sprachkonflikt in Form von Debatten, Reskripten, Aktionen und Repressalien in Schleswig-Holstein. Verordnungen betrafen in der Regel nur gewisse Regionen, insbesondere das Herzogtum Schleswig. Eine präzise und aussagekräftige Dokumentation und Interpretation von Sprachpolitik und Sprachplanung zu dieser Zeit bleibt ein Desideratum, das mit diesem Forschungsvorhaben in Angriff genommen werden soll.

Da im achtzehnten Jahrhundert überall im dänischen Königreich außer im Herzogtum Schleswig die Amtssprache mit der Sprache der Bevölkerung übereinstimmte, erließ 1810 der dänische König ein Reskript, in dem er vorschrieb, dass in denjenigen Gegenden von Schleswig, in denen mehrheitlich die dänische Sprache gesprochen wird, diese Sprache von nun an auch in der Justiz, Bildung und Kirche benutzt werden solle. Diese für heutige Leser scheinbar harmlose Verordnung stieß auf heftigsten Widerstand seitens der Beamtenschaft, nicht nur weil deren Dänischkenntnisse bei weitem nicht ausreichend waren, sondern vor allem auch deshalb, weil die dänische Sprache vom Bildungsbürgertum nur wenig geschätzt wurde. Bezeichnungen wie Rabendänisch und verworrene dänische Sprache (Göttsch 2006: 387f.) bezeugen den geringen sozialen Status des Dänischen, was sicherlich dazu beigetragen haben wird, dass das königliche Dekret von wenig Erfolg gekrönt war. Die Debatte wurde erst eine Generation später von Christian Paulsen (1798-1854) aus Flensburg, Jura-Professor an der Kieler Universität, wieder aufgebracht, der für die Einführung des Dänischen als Schul- und Kirchensprache neben dem Deutschen zumindest in den dänischsprachigen Teilen des Herzogtums Schleswig plädierte, da die Geschichte, das Verfassungsrecht und die allgemeinen Traditionen und Sitten in diesen Gegenden eindeutig zeigten, dass das Herzogtum ein fester Teil des Königreichs Dänemark sei und damit dessen Sprache auch in Schleswig anerkannt werden müsse. Nach heftigen Debatten und politischer Lobbyarbeit gelang es schließlich, dass 1840 der König nach einem entsprechenden Votum der Ständeversammlung in Schleswig das Dänische als Gerichts- und Verwaltungssprache im Landesteil Nordschleswig einführte (Schultz Hansen 2003: 435). Die Zeit der bürgerlichen Revolutionen in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts führte auch in Schleswig-Holstein zu heftigen Auseinandersetzungen. Nach der Niederlage im Krieg gegen das Königreich (1848-1850) wurden eine Reihe von Maßnahmen der Danisierung getroffen, deren sprachliche Konsequenzen noch zu untersuchen sind – was im Rahmen des hier skizzierten Forschungsprojektes geschehen soll. Als bekanntes Beispiel sollen die Aktivitäten August Regensburgs genügen, der in der Region Mittelschleswig das Dänische als Schulsprache einführte – während nur vier Stunden pro Woche für das Deutsche reserviert waren. Es bestand bei solchen Aktionen wenig Einfühlungsvermögen für die bildungspolitischen Auswirkungen auf das Lernen der Schulkinder, auch wenn entsprechende Probleme in den Schulinspektionsberichten von den Superintendenten dokumentiert wurden (vgl. Langer 2010). Der dänische Germanist Dyhr (1998: 118) interpretiert diese Sprachpolitik als „übertriebene [...] ideologische [...] Instrumentalisierung von Sprache, die die komplexe Sprachwirklichkeit nicht berücksichtigte.” Der Prozess der Danisierung ging spätestens mit dem preußisch-österreichischen Krieg gegen Dänemark zu Ende. Ihm folgte, nachdem Schleswig-Holstein preußische Provinz wurde, ein Prozess der Germanisierung, die 1888, zumindest verwaltungstechnisch, abgeschlossen wurde. Dass diese sprachpolitischen Maßnahmen ‚von oben’ auch zu einer Veränderung der tatsächlichen Sprachverhältnisse ‚unten’ geführt haben, wird von der Forschung unter Verweis auf die immer noch existierende Mehrsprachigkeit dieser Regionen stark in Frage gestellt (Menke 1996: 153).

Wir sehen also, wie Sprache benutzt wurde, um nationalpolitische „Realitäten“ zu schaffen: Wir sind jetzt Teil Deutschlands / Dänemarks usw. und deshalb wird hier (nur) Deutsch / Dänisch usw. gesprochen. Dieses Verhalten ist auch aus anderen Regionen bekannt, wie z.B. in den letzten 200 Jahren in Elsaß-Lothringen, Luxemburg oder Belgien. Der deutsch-dänische Sprachkonflikt hat für das 19. Jahrhundert – zumindest in der deutsch- und englischsprachigen Literatur – nur wenig Beachtung gefunden. Arbeiten von z.B. Winge (1992, 2009) oder Walker (1997) beschränken sich weitgehend auf das Königreich Dänemark und die Zeit vor oder nach dem 19. Jahrhunderts. Hilfreicher sind hier die Arbeiten von Fredsted (2003, 2004), die sich mit den besonderen sprachpolitischen Verhältnissen im überwiegend deutschsprachigen Flensburg des 19. Jahrhunderts auseinandersetzen, sowie von Göttsch (2006), die aus der volkskundlichen Perspektive auch sprachliche Konflikte in ihrer Analyse berücksichtigt.

Systematisch aufgearbeitet wurden die sprachpolitischen Maßnahmen allerdings aus einer sprachwissenschaftlichen Perspektive noch nicht. Hierbei sind nicht nur offizielle Anordnungen und Gesetze von Interesse, sondern auch z.B. Bürgereingaben, die die Stimmung im Lande womöglich besser repräsentieren. Als Beispiel mag ein offizieller Brief von Freifrau von Willmowski an ihren Mann (!), den Königlichen Oberpräsidenten in Schleswig, genügen, in dem sie um eine finanzielle Unterstützung an den Vaterländischen Verein in Tondern (in Nordschleswig im heutigen Dänemark) bittet, der eine Krankenpflegerin eingestellt hat und ihr Jahresgehalt nicht decken kann. Wichtig für unsere Zwecke ist die ausdrückliche Erwähnung, dass der Verein „zu seinem Theile eine Stütze des Deutschthums in Nordschleswig bildet“ (Schleswiger LA 301-2288) und dass „bei den politischen Verhältnissen im Kreise Tondern von den interessierten Gemeinden und vom Kreis Zuschüsse zu Krankenpflegestationen nicht gegeben werden“ (ebd.). Bemerkenswert ist, dass dieser Brief erst 1902, also eine ganze Generation nach dem preußisch-österreichischen Krieg mit Dänemark, verfasst wurde, und er darf somit als interessantes Zeitdokument für die andauernden Spannungen in Nordschleswig, aber auch die politischen Maßnahmen der preußischen Verwaltung stehen (dem Antrag wurde stattgegeben). Hier gilt es ein Korpus ähnlicher handschriftlicher Quellen aufzustellen und zu prüfen, inwieweit Bürgereingaben und deren Beantwortung uns auch einen Einblick in die offizielle Haltung zur Mehrsprachigkeit bzw. zu den unterschiedlichen Einzelsprachen geben können.

 


3. Hochdeutsch – Friesisch


Das Friesische ist seit mindestens dem 17. Jahrhundert auf dem Rückzug, als seine Sprecher zuerst zum Niederdeutschen, später zum Dänischen und schließlich zum Hochdeutschen übergingen (Walker 2009). Obwohl es sprachlich-systemisch eine eigene Sprache ist, fungierte es soziolinguistisch bereits seit Jahrhunderten als Mundart (Steensen 1986: 36), wobei nach der „Annexion Schleswigs durch Preußen [...] eine energische Eindeutschungspolitik ein[setzte], die mit Unterbrechungen fast hundert Jahre dauern sollte“ (Sjölin 1997: 1778). Sprecherzahlen rangierten im neunzehnten Jahrhundert um 30.000, was absolut gesehen gering ist, aber die Wichtigkeit des Friesischen in den insgesamt recht dünn besiedelten Gegenden der schleswigschen Westküste nicht direkt in Frage stellt. Auf den nordfriesischen Inseln genoss das Friesische als Symbol der eigenen Identität hohes Ansehen, während es auf dem Festland noch lange als ‚Tagelöhnersprache’ betrachtet wurde (Sjölin 1997: 1779). Niederdeutsch und Dänisch werden den meisten Friesen bekannt gewesen sein, aber dies galt nicht für alle. In den bereits oben erwähnten Schulinspektionsberichten lesen wir von den Schwierigkeiten friesischer Kinder in den Schulen, in denen nur auf Hochdeutsch unterrichtet wurde, und von den Schwierigkeiten eines Pastors auf Sylt, dessen mangelnden Friesischkenntnisse ihm keinen direkten Zugang zu allen Teilen seiner Gemeinde gewähren:

 

Zu den besonderen Mängeln und Hindernissen, welche der Wirksamkeit des Lehrers entgegenstehen, gehören u.A. folgende: [...]daß die Kinder zu Hause und im täglichen Verkehr unter einander immer Dänisch oder Friesisch sprechen, und daher fast ein ganzes Jahr, bei wenig aufgeweckten und begabten noch längere Zeit, darüberhingeht ehe dieselben die hochdeutsche Sprache auch nur nothdürftig verstehen lernen. (Leck, Juli 1869, Bericht über Schule in List auf Sylt)

 

Ein Haupthinderniß meiner Amtswirksamkeit, namentlich der speciellen Seelsorge, ist und bleibt noch immer die mir durchaus nicht geläufig werden wollende friesische Sprache; und leider ist das weibliche Geschlecht durchgehends nicht zu bewegen, sich im Gespräche mit mir der deutschen Sprache zu bedienen. Was ich in dieser Beziehung thun kann, das geschieht, so viel mir die so sehr beschränkte Zeit nur erlaubt; ich gehe oft in die Häuser der Einzelnen, besonders der kleinen Leute, und mache so doch wenigstens einige schwache Fortschritte in einer Sprache, die sich aus Büchern leider nicht erlernen läßt. (Westerland, August 1847)  [beide Quellen aus Langer 2010]

 

Ob diese Aussagen Einzelfälle sind, gilt anhand von weiteren Primärquellen zu überprüfen, zumal die Schulinspektionsberichte in der Archivalischen Quellenkartei (Europäische Volkskunde, Kiel) bisher nur deutschsprachige Berichte berücksichtigt haben.

 

 

4. Hochdeutsch – Niederdeutsch


Ähnlich wie das Friesische ist auch die niederdeutsch-hochdeutsche Diglossie durch das wissenschaftliche Interesse an den deutsch-dänischen Sprachkonflikten überschattet. Gut erforscht sind zumindest die Bestrebungen führender Intellektueller und Dichter wie Klaus Groth (1819-1889), John Brinckman (1814-1870) und Fritz Reuter (1810-1874), das Niederdeutsche wieder zu einer Schriftsprache zu machen, sowie die kulturnationalistischen Aktivitäten, eine ‚aldietsche Beweging‘ im Schulterschluß mit Niederländern und Flamen zu gründen (Debus 1996). Historisch aufgearbeitet sind die soziolinguistischen Probleme Niederdeutschsprachiger mit dem Hochdeutschen durch Scheuermann (2004), dessen Untersuchung über die Sprachkompetenzen von Schulkindern im späten achtzehnten Jahrhundert allerdings den Landkreis Göttingen, also nicht Schleswig-Holstein behandelt. In den Schulinspektionsberichten aus den nördlichen Landesteilen wird das Niederdeutsche meist ignoriert. Wo von Deutsch gesprochen wird, ist das Hochdeutsche gemeint, und wenn Sprache thematisiert wird, dann in der Regel in Abgrenzung zum Friesischen oder Dänischen. Die Schulinspektoren bezeugen die sprachlichen Realitäten vor Ort und beklagen die mangelnden Sprachkenntnisse, die sie – wohl zu Recht – auf die mangelnde Präsenz des Hochdeutschen im Elternhause schieben:

 

Die Gemeindemitglieder gehören durchgehend dem Stande der Ackerbautreibenden, der Handwerker und kleinen Kaufleute an. Die Umgangssprache ist bei fast Allen die plattdeutsche. (Wacken, Juni 1877)

 

In dieser mangelhaften Bildung hat es denn auch seinen Grund daß die plattdeutsche Sprache hier viel mehr als an andern Orten, Umgangssprache ist, welches für die Kinder den Nachtheil hat, daß einige bei ihrer Aufnahme in unsere Schule, kein hochdeutsches Wort sprechen können. (Kappeln, August 1843) [beide Zitate aus Langer 2010]

 

Hier gilt es, weitere Quellen zu finden, die die Sprachsituation im Alltagsleben aus der Forschungsperspektive einer Sprachgeschichte ‚von unten’ beschreiben oder kommentieren. Neben Zeitungsberichten und literarischen Werken bieten sich auch Privatbriefe und Tagebücher an, in denen das Niederdeutsche entweder selbst gebraucht wird oder in denen Kommentare zu der Sprachsituation gemacht werden. Diese Quellenart wurde bereits in anderen Studien, wie z.B. in der Erforschung des Sprachgebrauchs von deutschen EmigrantInnen in den USA, wie Elspaß (2005) in seiner Sprachgeschichte von unten; oder von Soldaten aus dem Krieg (Harald Thun (Kiel), Wolf 2007) sehr erfolgreich ausgewertet. Für das hier beschriebene Projekt gilt es, weitere Privatbriefe ausfindig zu machen, die metasprachliche Kommentare enthalten oder sich selbst interessanter sprachlicher Konstruktionen bedienen, die auf Sprachkontakt schließen lassen.



[1] Wir sehen Ähnliches in der Diskussion um die Berücksichtigung des Niederdeutschen in der europäischen Sprachencharta als – einzige – Regionalsprache in Deutschland, auch wenn natürlich niemals damit die Existenz eines niederdeutschen ‘Volkes’ postuliert wurde.

 

[2] Unberücksichtigt in dieser Aufzählung bleiben die durchaus in Schleswig-Holstein vorhandenen, für dieses Forschungsvorhaben aber aus zeitlichen Gründen nicht in Betracht gezogenen Sprachen Romani, Niederländisch und Jiddisch.