1. Quellen

2. Methoden

3. Umfang

4. Analyse

 

 

1. Quellen

 

Die Sekundärliteratur hat bereits eine Reihe an Fragen zur Politisierung von Sprachkonflikten in Schleswig-Holstein in Angriff genommen und beantwortet, jedoch gibt es weder eine umfangreiche Studie des historischen Soziolinguistik für diese Zeit und diese Region, noch sind bisher neueste Forschungs- ausrichtungen, vor allem die der international immer stärker ins Blickfeld rückenden Language History from Below (Elspaß et al. 2007), auf Schleswig-Holstein angewandt worden.

Für eine umfangreiche Untersuchung der Rolle des Sprachkonflikts im mehrsprachigen Schleswig-Holstein bieten sich vor allem drei Quellentypen an: offizielle Anordnungen und Gesetze, Tageszeitungen und politische Pamphlete sowie Briefe und Tagebücher.

 

  1. Offizielle Anordnungen und Gesetze stehen in relativ großer Anzahl in Editionen aus der Zeit seit dem neunzehnten Jahrhundert zur Verfügung und können in der Kieler Universitäts- und Landesbibliothek eingesehen werden. Im Landesarchiv Schleswig befinden sich weitere, bisher unedierte Quellen, z.B. Anordnungen und Berichte über den Stand des Schulwesens,die direkte oder indirekte Aussagen über den praktischen Umgang mit der Mehrsprachigkeit großer Bevölkerungsteile in der Bildung, z.B. Einführung der deutschen oder dänischen Sprache im Unterricht oder Änderungen in der Lehrerausbildung machen (z.B. Archiv der Kanzlei, XIII-XVI für die dänische Zeit und LA 301 Akten des Oberpräsidenten von Schleswig-Holstein für die preußische Zeit).

  2. Tageszeitungen und politische Pamphlete finden sich für das gesamte neunzehnte Jahrhundert. Die Landesbibliothek in Kiel verfügt über mehr oder weniger vollständige Jahrgänge von ca. 30-40 Tages- und Wochenzeitungen aus dieser Zeit frei zugänglich auf Mikrofilm, die bedeutende Beiträge zu den zeitgenössischen politischen Diskussionen enthalten (vgl. Schultz Hansen (2003: 440) zur Rolle der Flensburger Tageszeitung für die deutschsprachigen Flensburger in der Zeit von 1840-1850). Politische Pamphlete eignen sich in ähnlicher Weise dafür, die Ansichten zu Nationalsprachen und Dialekten in (kultur-)politischen Auseinandersetzungen zu analysieren. Hierzu gehören mit Einschränkung auch wissenschaftliche Arbeiten, vor allem von Historikern und Kulturwissenschaftlern (vgl. z.B. Adler 1891). Die Rolle des Niederdeutschen und Hochdeutschen in der Demokratisierung der Landbevölkerung wurde z.B. von Ludolf Wienbarg (1834) und Jonas Goldschmidt (1846) dahingehend erörtert, dass das Weiterleben des Niederdeutschen ein Hindernis für die politische und soziale Emanzipierung der Bauern bedeute. Allerdings fand diese Diskussion in Oldenburg, also außerhalb Schleswig-Holstein statt. Ob es ähnliche Reden und Vorträge mit solch gezielter sprachlicher Ausrichtung auf das Niederdeutsche auch für Schleswig-Holstein (vor 1848) gab, ist bislang nicht bekannt. Sicherlich wird es Material zum dänisch-deutschen Sprachkonflikt geben, wenn dies auch weit weniger erforscht ist, als die nichtsprachlichen Konfliktpunkte beider Nationalitäten (zu den Gründen des Scheiterns einer eigenständigen friesischen Sprachbewegung vgl. Steensen 1986 und Sjölin 1997).

  3. Rein literarische Arbeiten über das Leben in Schleswig-Holstein vor 1900 (z.B. Storms ‚Schimmelreiter’, Fontanes ‚Unwiederbringlich’) sind für unsere Zwecke als Quellenmaterial wenig hilfreich. Hingegen sind schriftliche Quellen von gering gebildeten Menschen, vor allem Briefe und Tagebücher, für eine Sprachgeschichte von unten von besonderem Interesse. Vereinzelt sind solche Materialien bereits veröffentlicht, wie z.B. die Lebenserinnerungen des Landarbeiters Franz Rehbein, dessen spätere Karriere in der Politik ihm Ansporn zur Aufzeichnung und Zugang zu Publikationsorganen gab (Rehbein 1911). Diese Quellen geben einen wichtigen Einblick in die Lebensverhältnisse ‚von unten’ und erlauben auch manchen Rückschluss auf die zeitgenössischen Sprachverhältnisse vor Ort, wobei natürlich bei Memoiren zwischen Ereignis und Niederschrift i.d.R. ein beträchtlicher Zeitabstand besteht. Für die Quellenart Privatbrief muss berücksichtigt werden, dass die weniger gebildeten Sozialschichten nur relativ selten schriftlich kommunizierten; die große Ausnahme bilden hier Emigrantenbriefe, wie Elspaß (2005) ausgiebig dokumentiert hat. Dass sich in Privatbriefen aus Schleswig-Holstein Bezüge zu Sprachkonflikten – sei es im tatsächlichen Sprachgebrauch, sei es in der Form von metasprachlichen Bemerkungen – finden lassen, ist zwar wahrscheinlich, wurde bislang aber nicht in der Forschung untersucht. Als ersten Schritt bedarf es hierfür einer Aufstellung geeigneter Briefsammlungen nach geographischen (Nordfriesland, Mittelschleswig) und zeitgebundenen (z.B. Kriegszeiten) Kriterien. 

 

 

2. Methoden

 

Zur Methodik der Textanalyse lässt sich zu diesem Zeitpunkt nur wenig sagen, da die Primärdaten erst erhoben werden müssen. Alle Texte werden diplomatisch transkribiert, um eine textgetreue Interpretation und für eine breite Leserschaft nützliche Veröffentlichung zu ermöglichen. Ich gehe davon aus, dass die Texte grundsätzlich vollständig transkribiert werden, da sie nur in Einzelfällen länger als 20 Seiten sein werden. Da die Quellentexte i.d.R. nur handschriftlich vorliegen, wird diese Arbeit hauptsächlich manuell erfolgen, da Scanningsoftware bei Handschriften des 19. Jahrhunderts nicht zuverlässig einsetzbar ist.

 

 

3. Umfang


Aus den Quellentexten werden Stichproben gezogen, und zwar nach geographischen und zeitlichen Gesichtspunkten. Hierbei gilt es grundsätzlich zwischen solchen Quellenarten zu unterscheiden, die Sprachpolitik ‚von oben’ behandeln, also Regierungsentscheide, Verwaltungsanordnungen, Berichte über bildungs- und kulturpolitische Maßnahmen mit sprachpolitischem Bezug, und solchen, die die alltagssprachliche Situation ‚von unten’ beschreiben, also Privatbriefe, Zeitungsberichte informellerer Art usw. Erstere Quellenarten werden unter Berücksichtigung bereits bekannter politischer Ereignisse untersucht, so z.B. die Zeit um 1810 (dänisches Sprachreskript), 1840 (Paulsens Initiativen), 1848-50 (Krieg zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark), 1864-66 (Krieg zwischen Dänemark und Preußen/Österreich) und nach 1866 (Germanisierungen). Die letztgenannten Quellenarten werden hingegen eher nach geographischen Gesichtspunkten analysiert, um somit eine räumliche kontinuierliche Beschreibung von Sprachkontakt- und Sprachkonfliktsituationen in einzelnen Orten zu ermöglichen.

Nach der Auswertung dieser Stichproben werden die Ergebnisse der beiden Analysen dann miteinander abgestimmt, damit sich ein kohärentes Bild ergibt.

 

 

4. Analyse


Die qualitative Auswertung der Texte orientiert vor allem an zwei methodologischen Verfahren. Zum Einen werden in einem begriffsgeschichtlichen Zugriff Schlüsselbegriffe (z.B. Nation, Niederdeutsch, Schule, usw.) identifiziert, nach gängigen Auswertungsverfahren quantifiziert (vgl. Busse et al. 2005) und diskursanalytisch interpretiert. Soweit dies praktisch machbar ist, werden für diesen Arbeitsschritt gängige elektronische Auswertungsprogramme eingesetzt. Diese Analyse wird zeigen, inwieweit gewisse kulturelle und politische Begriffe im Diskurs besonders frequent oder gar nicht benutzt wurden.

Nach der Identifizierung von Schlüsselbegriffen wird sich die Untersuchung in einem zweiten Schritt auf metasprachliche Diskurse konzentrieren, das heißt Kommentare und Berichte über den Gebrauch und die Bewertung von sprachlichen Varietäten bzw. deren Identifizierung mit bestimmten sozialen Gruppen oder Verhaltensmustern. Diese Textstellen werden zeitlich und geographisch unterschieden sowie nach Sprecheridentität und Adressatenorientierung geordnet, um ein strukturiertes Bild davon zu erstellen, welche Sprachvarietäten zu welchem Zeitpunkt bei welchen Gruppen welchen Stellenwert aus welchen Gründen einnahmen. Die Antworten darauf erlauben dann eine fundierte Beschreibung und Analyse der Gesamtsituation schleswig-holsteinischer Mehrsprachigkeit im 19. Jahrhundert.