Schleswig-Holstein ist für seine Sprachenvielfalt über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Die Zeiten, in denen die „kleinen“ Sprachen Nordfriesisch, Niederdeutsch und das mittlerweile in Deutschland moribunde Südjütisch als unwichtig oder für die Bildung störend empfunden wurden, sind lang vorbei und die Aktivitäten von Individuen und Institutionen zur Förderung „kleiner und regionaler Sprachen“ sind zahlreich und finden populären Zuspruch – man denke an Friesisch in der Schule oder Niederdeutsch auf der Bühne! In Geschichtswissenschaft und Sprachgeschichte wurde das Schicksal von Nichtstandardsprachen (Dialekte, Stadtsprachen) aber auch Minderheitensprachen wie das Sorbische oder das Friesische jedoch sehr viel weniger beachtet. Traditionelle Darstellungen der Sprachgeschichte, wie sie z.B. in der Universitätslehre und im Oberstufenunterricht verwendet werden, sind einzelsprachlich und nicht primär geographisch konzipiert: in den gängigen Sprachgeschichten des Deutschen spielen weder Schleswig-Holstein noch Mehrsprachigkeit eine Rolle. Aber die Sprachgeschichte des Deutschen umfasst sehr viel mehr als nur die Entwicklung der Standardsprache!

 

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In diesem Forschungsprojekt, dass an der University of Bristol angesiedelt ist, aber enge Kooperationen mit den Universitäten in Kiel und Flensburg unterhält, soll Sprachgeschichte, anders geschrieben werden. Ziel ist es, eine Geschichte des Sprachengebrauch in einem mehrsprachigen geographischen Raum (hier: Schleswig-Holstein) zu schreiben, um so auf die Normalität von Mehrsprachigkeit hinzuweisen. Dabei teilt sich das Projekt in zwei große Teilbereiche: Sprachbewertung und Sprachgebrauch.

 

Die Erforschung von Sprachgebrauch stellt für den historisch arbeitenden Forscher immer das besondere Problem dar, dass sämtliche Daten nur in schriftlicher Form existieren. Für SoziolinguistInnen, die sich für informellen oder mündlichen Sprachgebrauch interessieren, ist dieses Problem noch ausgeprägter, da schriftliche Quellen in der Regel, zumindest seit der Standardisierung des Hochdeutschen im 17. Jahrhundert und des Schreibsprachenwechsels vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen seit der Reformation, nur in hochdeutscher Sprache zu finden sind. Da wir uns in diesem Forschungsvorhaben für den Sprachalltag in seiner gesamten mehrsprachigen Bandbreite interessieren, besteht eine ganz grundlegende Aufgabe darin, aus dem schriftlichen Beweismaterial herauszuarbeiten, wie die Menschen tatsächlich gesprochen haben: und zwar zum Einen, welche Sprachen in wirklichen Domänen, Situationen und Regionen verwendet wurden, und zum Anderen, wieviel “Sprachmischung” ermittelbar ist. Eine Untersuchung gedruckter Texte, sei es Amtliches, Zeitungen, oder auch Belletristik, hilft hier nur wenig weiter, denn die Sprache für gedruckte Texte war seit dem 17. Jahrhundert das Hochdeutsche. Aus diesem Grunde besteht unser Sprachgebrauchskorpus aus handschriftlichen Texten, vor Allem aus Privatbriefen und Tagebüchern und es zeigen sich hier aufschlussreiche Unterschiede zur Drucksprache: man denke hier nur an das Missingsch ganz allgemein (vgl. Wilcken 2015), oder auch die Flensburger Stadtsprache (vgl. Ketelsen 1959, Fredsted 2003).

 

Für unser Projekt erstellen wir ein Korpus an privaten, handgeschriebenen Dokumenten von weniger-gebildeten Menschen aus der Zeit von 1840-1920, um (a) die Heterogenität hochdeutscher Schriftlichkeit zu dokumentieren und (b) aus privater Schriftlichkeit Schlüsse auf die Mehrsprachigkeit im Sprachalltag in Schleswig-Holstein schließen zu können. Aufgrund der schwierigen Datenlage – Briefe entstanden vor allem in Kriegszeiten oder als Teil von Auswanderung, viele Briefe wurden vernichtet, nur wenig findet sich in Archiven und Bibliotheken – wird sich dieses Korpus quantitativ nicht mit Korpora zum heutigen Sprachgebrauch messen können. Aber wir gehen davon aus, 200-250 Briefe dokumentieren zu können und haben in diesem Rahmen schon sehr von der Kooperation mit der Handschriftenabteilung der UB Kiel, der Ferring-Stiftung in Alkersum, dem Landesarchiv in Schleswig und dem Personsarkiv der Dansk Centralbibliothek Flensborg profitieren können.

 

1859 Breve fra P.C. Heuck, Teil 1

 

Der zweite Teil des Projekts umfasst die Erschließung metasprachlicher Kommentare zur Sprachenvielfalt in Schleswig-Holstein im 19. Jahrhundert. Während im 19. Jahrhundert das Niederdeutsche, Südjütische und das Nordfriesischen die authochthonen Muttersprachen in der Region waren, finden sich keine Texte in diesen Sprachen. Für den Historiker aber auch für den Zeitgenossen blieben diese Sprachen unsichtbar – ein Begriff, der auch ganz wörtlich verstanden werden kann (vgl. Havinga & Langer 2015 für eine theoretisierende Bestimmung dieses Konzeptes). Die sichtbaren Sprachen waren vor allem das Hochdeutsche und, in einem geringeren Umfang, das Reichsdänische: Offizielle Schreiben, gedruckte Texte, die Sprache von Lesebüchern in Schulen und Katechismen in Kirchen existieren nur in den Hochsprachen. Der zweite Teil des Projektes beschäftigt somit mit der Schnittstelle zwischen den mündlichen Sprachen und den geschriebenen Sprachen und mit metasprachlichen Diskussionen, die sich explizit mit dem unterschiedlichen Status der in Schleswig-Holstein befindlichen Sprachen beschäftigen. Dass der Nationalkonflikt zwischen dänisch- und deutschgesinnten Bürgern vor allem auch über Sprachpolitik ausgetragen wurde, ist wohl bekannt (vgl. Bracker 1972/3, Rohweder 1976): es hieß, dass die Sprache von Kirche, Schule und Gerichtswesen der Sprache der Bevölkerung angepasst werden müsse, doch war solch nationalpolitisches Wunschdenken nur im Konflikt durchsetzbar. Doch auch die „kleinen“ Sprachen wie das Niederdeutsche (vgl. Langer & Langhanke 2013) und das Nordfriesische (vgl. Steensen 2002) waren Thema von Diskussionen, die sich leidenschaftlich für ihre Berücksichtigung vor allem im Volksschulunterricht einsetzen: als Teil der kulturellen Geschichte der Region sollten sie auch als Kulturschatz geehrt und gefördert werden. Das Projekt wird in diesem Rahmen die Diskussionen aufarbeiten und sprachenübergreifend vergleichen: warum erfuhr das Südjütische so viel weniger Unterstützung als z.B. das Niederdeutsche, warum waren die Forderungen nach einem friesischen Schulunterricht so viel später als für das Niederdeutsche, und inwiefern lassen sich auf europäischer Ebene Vergleiche z.B. zwischen der Sprachpolitik in Katalonien und im Herzogtum Schleswig vergleichen (vgl. Hawkey & Langer 2016).