von: Jenny Irmscher, Universität Kiel, SoSe 2011

Die niederdeutsche Sprache in der Schulzeitung für die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg in der Zeit von 1855 bis 1863

 

Korpus: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel

 

1. Einleitung

 

Die Schleswig-Holsteinische Schulzeitung erschien zum ersten Mal am 2.10.1852 und ist eine Zeitung, die von Volksschullehrern für Volksschullehrer geschrieben wurde. In ihr wurden pädagogische Themen besprochen wie Religion, Schreib,-Lese,-und Sprachunterricht, Politik und Erziehung. Es wurden Lehrerbriefe, Anliegen und Meinungen, Bekanntmachungen, Korrespondenz-Berichte, Vereinsangelegenheiten und Anzeigen veröffentlicht. Bis 1865 hieß das Blatt Schulzeitung für die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, da Schleswig und Holstein zu dieser Zeit getrennt waren und Schleswig unter dänischer Regierung stand. Erst nach dem Deutsch- Dänischen Krieg 1864, den Dänemark verlor, wurden die beiden Länder wieder vereint. Im Folgenden werden Zitate aus der Schulzeitung von 1855 bis 1863 – die Jahre in der "dänischen Zeit" - genauer untersucht. In den Ausgaben der Schulzeitung für die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg in der Zeit von 1855 bis 1863 wird immer wieder auf das Thema der hochdeutschen und niederdeutschen Sprache eingegangen. Die dänische Sprache bzw. der Unterricht in der dänischen Sprache wird kaum in den Zeitungen erwähnt. Die Quelle für diese Zitatesammlung besteht aus den Ausgaben der Schleswig-Holsteinischen Schulzeitung von den Jahren 1855 bis 1863, vorliegend als Mikrofilm in der Landesbibliothek Schleswig-Holstein.

2. Die niederdeutsche Sprache in der Schulzeitung für die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg in der Zeit von 1855 bis 1863

 

No 18, 3.2.1855, S.70 f.
Zur Bücheranzeige
Fibel für die niederdeutsche Jugend von Heinrich Burgwardt, Rector der Bürger= und Volksschulen in Wismar. 1855
So haben wir denn endlich, wonach sich wohl schon mancher Lehrer längst im Stillen gesehnt hat: ein Schulbuch, das eine Wechselwirkung zwischen der Mundart des Volkes und der Schriftsprache zu vermitteln sucht. Es ist kaum zu begreifen, daß von all den Pädagogen und pädagogischen Vereinen, die Grammatiken und Lehrbücher für deutsche Volksschulen auf den Büchermarkt gebracht haben, auch nicht ein einziger auf die Idee gekommen ist, wirklich Bedacht zu nehmen auf wahre Mutter= und darum auch wahre Kindessprache der deutschen Volksstämme. Unsere deutsche Schriftsprache ist keine Dorf= noch Stadt=, sondern eine Weltsprache, in welcher der Gelehrte allenfalls philosophieren mag, während das Volk dabei bleiben wird, in seinem Dialekt zu denken.   Wir erachten es für eine der nachtheiligen Folgen der Reformation, daß durch dieselbe so ganz als Gerichts=, Kanzel= und Büchersprache verdrängt ist. Luther legte bei seiner Bibelübersetzung bekanntlich die Sprache der sächsischen Kanzlei zum Grunde, die bedeutend von der sehr unreinen oberdeutschen Mundart abwich. Diese wurde freilich durch die Reformation selbst veredelt und gleichsam zu einer neuen Sprache umgeschaffen; aber dennoch thront unsere Schriftsprache über allen Mundarten, ohne aus einer derselben entsprossen zu sein. Wenn nun das Volk dabei bleibt, in der Mundart zu denken, so ist im Laufe der Zeit ein Zwiespalt entstanden zwischen Cultur und Literatur. Dieser Zwiespalt läßt sich nur heben, wenn die Volksschule es übernimmt, zwischen Dialect und Schriftsprache, zwischen Cultur und Literatur, zwischen Volksthum und Schriftthum zu vermitteln. Wir haben es leider verlernt, auf den Dialect der Schüler bei unserem Unterricht Rücksicht zu nehmen; es ist dies sehr zu beklagen, denn der alte Jahn hat recht, wenn er in seinem „Werke“ sagt: „Ohne Mundarten wird der deutsche Sprachleib zu einem Sprachleichnahm.“ Die meisten Schulgrammatiken gleichen daher, aus einem leicht zu erklärenden Grunde, leeren Geldbeuteln, und gar vielen Lehrern ist es sichtlich eine Plage, immer und immer nur einen Leichnahm tractiren zu müssen. Wer dabei den gebornen Plattdeutschen hat mit der Schriftsprache kämpfen und ringen sehen, der muß nothgedrungen zu der Ueberzeugung gelangen, 9/10 von dem Regelwerk, welches in den meisten Sprachlehren enthalten ist, könne man zum Nutzen und Frommen der Schule getrost über Bord werfen. Auch ist mit dem Nachbilden klassischer Musterstücke unserem Volke wenig gedient, sondern nur durch eine pädagogische Anleitung zum Uebertragen der eigenen, plattdeutschen Gedanken in die Formen der Schriftsprache werden unsere Schüler die nöthige Gewandheit und Sicherheit erwerben, um sich später im Leben der Schriftsprache mit Anstand bedienen zu können. Wir glauben mithin keine leere Phrase zu machen, wenn wir die Behauptung aufstellen: von dem Tage, wo die Volksschule den Dialect der Schüler gehörig in ihren Bereich zieht, wird man dereinst eine neue Epoche der ganzen Pädagogik datiren. Nicht nur, daß der Sprachunterricht und die Aufsatzbildung eine ganz andere werden wird; man wird auch zu der Ueberzeugung gelangen, daß das religiöse Volksbewußtsein sich weit weniger in den eingebläuten Katechismus= und Dogmensätzen fortpflanzt, als in der freien Tradition von Kernsprüchen, Sprüch=wörtern, Sentenzen u. s. w. die aus dem Volksgeist selbst geboren sind.
Wir halten sonach vorliegende „Fibel für die niederdeutsche Jugend“ für eine bedeutungsvolle Erscheinung auf dem pädagogischen Felde, und begrüßen sie als solche von ganzem Herzen. Auf Einzelheiten wollen wir uns hier weiter nicht einlassen, nur Das sei noch beiläufig erwähnt: es muß dem Verfasser dieser Fibel einem keineswegs kleinen Kampf mit sich selbst gekostet haben, so ganz von der Bahn abzutreten, die er bisher als Verfasser anerkannt tüchtiger Lesebücher eingeschlagen hatte. Wir sagen ihm dafür eine aufrichtiges Glückauf!
Sarkwitz, im Fürstenthum Lübeck, im Jan. 1855. [von Fr. Dunker]

No 27, 7.4.1855, S.105 ff.
Zur Bücheranzeige
[Eine Stellungnahme zu dem Artikel „zur Bücheranzeige“ aus der Ausgabe No 18.] Unter dieser Ueberschrift finden wir in No 18 dieses Blattes einen Aufsatz von F. Dunker. Derselbe enthält die Anzeige von H. Burgwardt ́s Fibel: „Fibel für die niederdeutsche Jugend,“ nebst einigen durch diese Fibel veranlaßten Bemerkungen über die Sprache. Die Herrn Burgwardt und Dunker versprechen sich von dieser Fibel Wirkungen, welche nach aus meiner Erfahrung hervorgegangen Ueberzeugung mir und nimmer=mehr können und werden in Erfüllung gehen. - Es ist fast unbegreiflich, wie die genannten Herren nach jahrelanger Erfahrung sich solchen Illusionen hingeben könnten. Herr D. äußert sich in diesem Aufsatze also: So haben wir denn endlich, wornach sich wohl schon mancher Lehrer längst im Stillen gesehnt hat: ein Schulbuch, das eine Wechselwirkung zwischen der Mundart des Volkes und der Schriftsprache zu vermitteln sucht.“- - - „Es ist kaum zu begreifen, daß von all den Pädagogen und pädagogischen Vereinen, die Grammatiken und Lehrbücher für deutsche Volksschulen auf den Büchermarkt gebracht haben, auch nicht ein einziger auf die Idee gekommen ist, wirklich Bedacht zu nehmen auf wahre Mutter= und darum auch wahre Kindessprache der deutschen Volkssprache.“- - „Wir haben es leider verlernt, auf den Dialect der Schüler bei unserem Unterricht Rücksicht zu nehmen; es ist dies sehr zu beklagen.“ - - - (gewiß! Wenn dem so sein sollte.) Hätte Herr D. hier die volle Wahrheit ausgesprochen, so wäre hier allerdings etwas fast Unbegreifliches. Es wäre unbegreiflich, wie die alte und allgemein bekannte Regel: „Gehe überall vom Bekannten zum Unbekannten,“ hätte grade in dieser Sache, von der doch jeder Lehrer so unmittelbar berührt wird, bis heute unberücksichtigt bleiben können. - Dem ist auch nicht so. In allen Schulen, welche mir bekannt sind, wird die Muttersprache der Kinder berücksichtigt. Es ist das eine alte und abgemachte Sache. Einige Belege für meine Behauptung erlaube ich mir hiermit Herrn D. mitzutheilen. Nachdem schon seit Jahren in der Lütjenburger Konferenz über den Gebrauch der plattd. Sprache in der Schule verhandelt worden war, ward für die Generalkonferenz in Preetz im Jahre 1840 die Aufgabe gestellt: „In wie weit ist die plattd. Sprache in unseren gewöhnlichen Volksschulen zu berücksichtigen? und wie kann durch den Gebrauch derselben der Schulzwekk volkommner erreicht werden?“ Ein Auszug aus der Beantwortung dieser Aufgabe möge hier ein Platz finden.
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[...] 1) Natürliche Entstehung der Sprache überhaupt.
[...] 2) Begriff der Sprache.
[..] 3) Verhältniß dieser beiden Seiten der Sprache zu einender. Die Lautsprache.
[...] 4) Zweck der Sprache.
[...] 5) Aufgaben des Sprachunterrichts Diese Punkte werden wir ins Auge fassen und darnach die Anwendbarkeit und den Werth der plattdeutschen und der hochdeutschen Sprache für unsere Volksschulen gegen einander abmessen und zu begründen versuchen. In wie weit ist die plattdeutsche Sprache in unseren gewöhnlichen Volksschulen zu berücksichtigen? Bedenkt man, daß die Kinder, wenn sie in die Schule aufgenommen werden, schon sprechen können und schon eine Sprache haben, so muß es natürlich auffallend erscheinen auf der Lektionstabelle zu lesen: Sprechübungen, Sprachübungen, denn einmal scheinen diese Uebungen überflüssig und also zeitverschwendend zu sein, da die Kinder schon sprechen können und eine Sprache haben, denn auch, weil dies anzudeuten scheint, daß im ersten Unterricht überhaupt und im Sprachunterricht insbesondere ein naturwidriger Gang genommen werde, da das Denken, - der Geist -, nicht ein Produkt der Sprache, sondern diese eine Produkt des Denkens – des Geistes ist. Gehen wir auf die naturgemäße Entstehung der Sprache (1) und auf das Verhältnis des Geistes und des Körpers der Sprache zu einander (3), sehen wir zunächst auf den materiellen Zweck der Sprache, nämlich auf den Gebrauch derselben fürs Volk im Leben zur gegenseitigen, mündlichen Gedankenmittheilung, der nicht einmal (beim Unterricht) in der deutschen Sprache bisher erreicht wurde: so ergibt sich, daß das Kind im Grunde gar nicht eines eigenen Unterrichts in der Muttersprache bedürfe; denn der erziehende Unterricht ist und soll überall Sprachunterricht sein (1-3) und folglich entwikkelt, wächst und bildet sich die Muttersprache mit dem Wachsen, Entwikkeln und Bilden des kindlichen Geistes, wie dies auch von der Geburt des Kindes bis zur Aufnahme in die Schule geschehen ist, und auch noch später während und nach der Schulzeit außer der Schule im Leben ohne absichtlichen Unterricht geschieht. - Der Unterricht in der Muttersprache wird erst dann nöthig, wenn die gegenseitige Gedankenmittheilung schriftlich geschehen und wenn das Volk seine Sprache mit Bewußtsein sprechen und verstehen soll, was ich überall als das mittlere Ziel eines jeden Sprachunterrichts setzte. Beim Unterricht in der hochdeutschen Sprache gestalten Gang und Ziel sich ganz anders. Freilich soll der Unterricht in der hochdeutschen Sprache nicht so betrieben werden, als wenn das Kind noch gar keine Sprache habe, und das Sprechen in derselben nicht, als wenn es noch nicht sprechen könne; aber es soll doch eine fremde Sprache lernen und wann wird diese dem Kind das, was ihm die Muttersprache schon bis zum sechsten Jahre geworden ist ?!, damit wir diese zu seiner weitern Fortbildung auch so benutzen können?! - Wenn ich sage, daß der ebengenannte materielle Zweck des Sprachunterrichts bisher nur ausnahmsweise? - gar nicht! in Hinsicht der hochdeutschen Sprache in unseren gewöhnlichen Volksschulen erreicht wurde, so behaupte ich nicht zu viel; daß also das Ziel des Sprachunterrichte überhaupt in Hinsicht der hochdeutschen Sprache nie so leicht? und im Grunde? - gar nicht zu erreichen sei, ist unschwer einzusehen. - Die hochdeutsche, eine den Kindern fremde, Sprache soll erst gelernt werden, um das Sein und Thun des Geistes dem Kinde zum klaren und deutlichen Bewußtsein zu bringen?!
In der Wirklichkeit geschieht dies auch nie auf eine unmittelbare Weise, da beim Sprechen das Hochdeutsche erst ins Plattdeutsche oder das Plattdeutsche ins Hoch= deutsche, und beim Lesen gar in die Schriftsprache in die hochdeutsche Lautsprache und diese noch erst wieder ins Plattdeutsche übersetzt wird. Wo bleibt da das Lebendige und Frische der Anschauung und Gedanken?! - Dagegen finden wir beim Beginnen des Unterrichts in der Muttersprache größtentheils die Grundkenntnisse der Sprache vor; es ist hier nur das Wissen und Können durch die Analanis zum deutschen Bewusstsein zu bringen. - Dies nun an den einzelnen Elementen der Sprache, z. B. an den Lauten, Wörtern – nachzuweisen, ist überflüssig; doch kurze Bemerkung über das Finden der Laute. - Was das Finden der Laute und Bewußtwerden der Laute an sich betrifft, so kann es im Grunde gleichgültig sein, ob ich die hochdeutsche oder die plattdeutsche Sprache dazu wähle; soll aber der Unterricht zeitersparend sein, so hat der Gebrauch der Muttersprache einen großen und entschiedenen Vorzug, indem ich dann schon von vorneherein und leichter aus der Rede und dem Satze die einzelnen Laute gesprächsweise, und zwar im katechetischen Geiste, die Schüler finden lassen und zum deutschen Bewußstein bringen kann.
Beim Lernen und Gebrauche der hochdeutschen Sprache muß man nicht überlegen, daß der Schüler etwas Fremdes lernen und etwas Fremdes gebrauchen soll, das von ihm wieder als Bekanntes zum Finden und Lernen des Unbekannten benutzt werden soll; folglich ihm selbst erst bekannt sein muß! – Ein Umweg?! (Schluß folgt)

No 28, 14.2.1855, S.109 ff.
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(Schluß) [Der Verfasser erläutert zunächst seine Sichtweise, die er 1840 zum Gebrauch der hochdeutschen Sprache im Schulunterricht hatte.] Wie kann durch den Gebrauch [der plattdeutschen Sprache] der Schulzwekk volkommen erreicht werden? Die Schule soll wahre Christen bilden. Alles, was in der Schule ist und geschieht, muß tiefen Zwekk mittelbar und unmittelbar fördern, wenns nicht verwerflich sein soll.- Zu welchem Verhältnis strebt nun die Muttersprache zu diesem Zwekke der Schule? Der Geist ist das innere, die Muttersprache das äußere Ich des Kindes. Nehmen wir dem Kind seine Muttersprache, so nehmen wir die eine Hälfte seines Seins und die andere Hälfte wird eingekerkert und die Thür mit zehn eisernen Riegeln verschlossen; folglich kann es unmöglich seine Bestimmung erreichen. - Das hier Behauptete ergiebt sich im Grunde schon als erwiesen aus dem Vorhergehenden; dennoch wird es nicht überflüssig sein, zur weiteren Motivirung des Gesagten noch einige Gedanken auszuführen. - Die Parole für den ersten Unterricht der Kinder. Sprechübungen, Sprechübungen; Sprachübungen, Sprachübungen hat darin ihren Ursprung, daß wir mit dem Gebrauche der hochdeutschen Sprache den Unterricht bei den Kindern beginnen. Die Parole sollte aber nicht so, sondern so lauten: Anschauen, anschauen, denken, denken; fühlen, fühlen; wollen, wollen: Gymnastik! - - Der Geist ist ja nicht ein Produkt der Sprache, sondern die Sprache ist ein Produkt des Geistes - - Sprechen wir bei dem ersten Unterricht der Kinder die hochdeutsche Sprache, so erzielen wir grade das Gegentheil von dem, was wir zu erreichen beabsichtigen: einen frummen Geist, einen sprachlosen Mund! Wir stellen Sprechübungen an, damit die Kinder sprechen, Sprachübungen, damit sie die Sprache lernen sollen. Da könnte man zuerst fragen: Können die Kinder noch nicht sprechen und haben sie noch keine Sprache? Und dann: Lernen sie denn in der Schule sprechen und lernen sie denn daselbst eine Sprache? Auf erstere Frage müßte man ein „Allerdings“ und auf die zweite ein „Keineswegs“ antworten. Wenn man ferner bedenkt, wie verschieden die Verhältnisse des Kindes in der Schule von den bisherigen im väterlichen Hause sind; wenn man bedenkt, mit was für Vorstellungen vom Lehrer die Schüler gewöhnlich in die Schule kommen; wenn man bedenkt, wie langweilig den Kindern das Schulleben oft wird; wenn man bedenkt, daß da denn oft zur Belebung und Erfrischung gar unschmackhafte Nüsse (= Kopf) und Feigen (= Ohr) ausgetheilt werden; wenn man dazu auch noch bedenkt, daß durch den Gebrauch der hochdeutschen Sprache, die die Kinder nicht verstehen und nicht Sprechen können, wo sie es also auch nur einzig und allein mit der Schale zu thun haben, der Lehrer den Kindern als ein fremdes Wesen erscheinen muß; so wird man es natürlich finden, daß die Kinder zurükkhaltend, verschlossen, sprachlos werden, es werden für die ganze Schulzeit – fürs ganze Leben. Denken wir uns einmal, um uns in die Lage der Kinder zu versetzten, den Fall, daß wir vor Jemandem, von dem wir eine Vorstellung hätten, welche die Kinder von dem Lehrer haben, in einer von uns fremden Sprache sprechen sollten?! Wir würden unsere Gedanken, Gefühle und Wünsche: unser Inneres nicht mitzutheilen im Stande sein, und der Jemand würde unmöglich unser Inneres kennen lernen können. [... Man kann Gedanken nur in der Muttersprache richtig ausdrücken. Hochdeutsch ist für die Kinder eine Fremdsprache, in der sie sich nicht richtig ausdrücken können...] Dies angewandt auf die Lehrer mit ihrer hochdeutschen und die Schüler mit ihrer plattdeutschen Sprache. - [...] Fangen wir gleich unseren Unterricht mit dem hochdeutsch=sprechen an, so machen wir am ersten Schultag gleich einen großen Schritt, einen Krebsgang von 3 – 4 Jahren; machen also aus dem 6jährigen Schüler wieder ein 2 bis 3jähriges Kind! Dieser Krebsgang wird, was wol zu merken ist, mit der Zunahme der Schule progressiv steigen. - Und was wird denn dadurch, daß wir die hochdeutsche Sprache zum Gegenstand des Unterrichts und zum Mittel beim Unterrichte machen, im Grunde erreicht? - Die hochdeutsche Sprache ist dem Kinde, wenn es konfirmirt wird lange nicht das, was die Muttersprache dem Kinde ist, wenn es in die Schule kommt. Das 6jährige Kind versteht seine Muttersprache und kann sie sprechen, der Konfirmand auch die hochdeutsche Sprache? - Nein! - Wie nachtheilig muß also nicht der Gebrauch der hochdeutschen Sprache für die Entwikkelung und Bildung des Geistes geworden sein! - [..] Resultat Die Muttersprache (hier die plattd. Sprache) muß die permanente Schulsprache sein. Ist denn auch in der Religion in der plattdeutschen Sprache zu unterrichten? – Vor allen Dingen! - Sie soll ja dem menschlichen Geist das wahre Licht, die wahre Wärme, das wahre Leben geben, und im Leben das Regiment führen. [...] Was machen wir denn mit der hochdeutschen Sprache? Dieselbe tritt als Unterrichtsgegenstand ein, wenn die Kinder 8 – 10 Jahre alt sind, wo sie ihre Muttersprache mit klarem Bewußtsein aufgefaßt haben, die Orthographie so ziemlich beseitigt ist und die Grundverhältnisse der Sprache vorgekommen sind. - Der Sprachunterricht werde überall im Geiste Beckers betrieben. Die Möglichkeit und den Nutzen davon wird man recht erkennen beim Unterrichte in der Muttersprache. Diese wird überall beim Unterrichte der hochdeutschen Sprache zum Grunde gelegt. Fleißig und strenge und genau wird das Plattdeutsche ins Hochdeutsche und das Hochdeutsche ins Plattdeutsche übersetzt. - Das Ziel des Unterrichts in der hochdeutschen Sprache ist zunächst „das Verstehen des Gesprochenen und Geschriebenen oder Gedrukkten.“ - Man kann eine Sprache verstehen, ohne daß man sie grade sprechen und schreibem kann. Dieses Ziel wird man hier leichter erreichen, als früher, weil ich eine sichere, dem Schüler bekannte und bewußte Grundlage (die Muttersprache) habe.
Das war meine Ansicht 1840. - Es ging mir, wie es oft geht, wenn einem eine Sache neu ist, wenn man für dieselbe eingenommen wird und die zu fördern und zu vertheidigen sucht. In der Regel fehlen alsdann auch nicht Täuschung und Verwirrung. - Das ginge wol, aber das geht nicht. - So geht’s augenblikklich auch wieder mit dem Gebrauch der plattdeutschen Sprache. Sie hat grade jetzt wieder einen ganz besonderen Ruf und dadurch und damit auch für Manchen einen ganz besonderen Reiz erhalten. - Der Dichter Kl. Groth [Klaus Groth (1819 – 1899] ist ein berühmter Mann geworden – und gewiß mit Recht.
Noch erlaube ich mir hinzuweisen auf meine Fibel, die bei allen Unglükksfällen dennoch schon die 3te Aufl. erlebt hat. - Sie erschien 1843. Es war, als ich den Entschluß faßte, eine Fibel auszuarbeiten, mein Plan, das Plattdeutsche die ganze Fibel hindurch zu berücksichtigen; gab aber denselben, durch die Erfahrung, wie ich glaube, eines Besseren belehrt, später wieder auf und berükksichtigte sie in der Fibel selbst nur bei den ersten Stufen. Was darüber, das schien mir von Uebel. Es ist wol zu unterscheiden, was für die Fibel selbst gehört und was für den Unterricht. Beim mündlichen Unterricht benutzte und benutze ich das Plattdeutsche nicht blos beim ersten Lese= und Sprachunterricht, sondern überall und bei allen Schülern. Einmal habe ich mit den Anfängern das ganze erste Jahr fast nur plattdeutsch gesprochen, habe sogar die Prüfung mit ihnen in plattdeutscher Sprache gehalten, kann also aus Erfahrung sprechen. - Das Resultat einer 25jährigen Erfahrung in Beziehung auf den ersten Unterricht findet man angedeutet in einer kleinen Broschüre von mir. Man sieht, ich habe die Muttersprache der Kinder beim Unterrichte in der Schule gewiß in gebührender Weise berükksichtigt und kultivirt, dennoch muß ich der Wahrheit gemäß bekennen, daß ich in Folge dessen bis heute noch keine neue Epoche meiner ganzen Pädagogik habe datiren können,
Ueber Burgwardt ́s Fibel selbst nur vorläufig einige Bemerkungen. Herr B. äußert sich über dieselbe in seinem Vorwort zu derselben also: Was diese „Fibel“ als Lese= und Sprachbuch „für die niederdeutsche Jugend“ besonders geeignet machen dürfte: das ist einmal die gebührende Berükksichtigung, welche die eigentliche Muttersprache derselben in diesem Büchlein gefunden hat, und „dann“ und „noch mehr“ die Zusammenstellung der Wörter und Sätze nach dem Gleich= klange.
In Folge der letzteren Einrichtung werden die Kinder sich nicht nur lieber mit dieser Fibel beschäftigen, als mit jeder anderen. Kaum trauet man seinen Augen, wenn man von einem Pädagogen wie B. derlei Gründe aufgeführt findet, um zu motiviren, daß diese seine Fibel das Heil der Schule bringen werde. - Aber, wol zu merken! Nicht in der Berükksichtigung der Muttersprache des Kindes besteht der wahre Wert und Vorzug dieser Fibel, sonder in der Zusammenstellung der Wörter und Sätze „nach Gleichklange,“ was wir wieder nur, so viel ich sehe, beim Hochdeutschen finden. Nach Herrn B. selbst muß uns also das Plattdeutsche nur als eine kleine Mit= und Zugabe erscheinen.
Noch ist hier zu bemerken, daß das Plattdeutsche eigenthümliche Laute hat, also eigenthümliche Lautzeichen erfordert. Herr B. hat diese nicht. - Das Plattdeutsche ist in den verschiedenen Gegenden, selbst bei uns in Holstein sehr verschieden; geben mit demselben für das Unbekannte also oft noch Unbekannteres. Aber der Gleichklang – die Hauptsache? -
[...] Die Fibel erscheint mir überhaupt so buntschekkig, daß ich noch nicht den Wald vor lauter Bäumen habe entdekken können. - Die Ordnung und Anordnung des Stoffes finde ich weder naturgemäß noch kunstgemäß. - Die Schuld davon liegt aber vielleicht an mit. Köhn, im März 1855 von F. Knees
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No 36, 9.6.1855, S.141 f.
Aus der Lehrerversammlung in Hamburg
gehalten am 29., 30. und 31 Mai. [Die siebte allgemeine deutsche Lehrerversammlung] [...] Das Thema der ersten Verhandlung war der Unterricht in der Muttersprache, worüber Herr C. F. Cellsen aus Wandsbeck referirte. Derselbe proponirte der Versammlung folgende in einem längerem, sehr gründlichen Vortrag motivirte Themen:
1. Der Unterricht in der Muttersprache ist in der Volksschule ein wesentlicher Unterrichtsgegenstand
2. Derselbe werde so ertheilt, daß der Schüler seine Muttersprache recht verstehen, gebrauchen und lieben lerne.
3. Er soll sich einerseits an das Lesebuch anschließen; anderseits aber gehe ein grammatischer Cursus selbständig nebenher.
4. Der deutsche Aufsatz werde dem Gesammtunterrichte sichtbar gemacht, die Thätigkeit des Schülers sei wesentlich eine reproducirende.
[...] Es wurde unter anderem darauf aufmerksam gemacht, daß für Norddeutschland die eigentliche Muttersprache der Schüler der Volksschule das Niederdeutsche sei, mit welchem Dialecte deshalb naturgemäß begonnen werden müsse, um die Schüler, vom Bekannten ausgehend, möglichst bald auf verständige Weise in das eigentliche Schriftdeutsch [das Hochdeutsche] einzuführen. Unempfohlen ward dabei das Ueberragen der Mundart in das Hochdeutsche und das heranziehen der schönen Fragmente der niederdeutschen Literatur. Sei es indes, daß man befürchtete, consequenter Weise zur Benutzung plattdeutscher Fibeln und Lesebücher hinabsteigen zu müssen, was jedoch in keiner Weise des Proponenten Meinung war, oder lag ein anderes Mißverständniß zum Grunde, genug, die Befürchtung der Mundart, so nothwendig sie factisch und naturgemäß ist, fand nicht die allgemeine Billigung fand dagegen die Ansicht, daß man den Sprachunterricht an ́s Lesebuch anknüpfen solle, weil dasselbe diesen Unterricht erschwere, davon ableite, ihn verwirre, und diese Verbindung ein kümmerliches Resultat liefere. Es sprach sich auch auf der Stelle die eben entschiedene Gegenansicht aus, daß der Sprachunterricht, an ein Lesebuch geknüpft, in welchem das Object des Unterrichts, die Sprache, in würdiger Weise vorliege, grade hierdurch erleichtert werde, so recht in die Sprache einführe, sie dem Schüler klar mache und vorausgesetztem Geschick des Lehrers ein glänzendes Resultat liefere. - Während man mit den ersten 3 Sätzen des Referenten im Wesentlichen einverstanden war, schien dagegen der 4te Satz lebhafte Bedenken zu erregen.[...]

No 25, 22. 3. 1856, S.103 ff.
Schulmeister=Briefe
A an B Neue Reihe. Fünfter Brief [der Aufsatz beginnt mit einem Plattdeutschen Gedicht von Klaus Groth] Hell in ́t Finster schient de Sünn, Schient bet deep in ́t hart herin; All wat kold is, dump un weh, Daut se weg, as Is un Snee. Noch is ́t Zid! O kamt man in, himmelblau un Börsjahrssün! Lacht noch eenmal warm und blid Deep in ́t Hart! O noch is ́t Zid
[Der Verfasser schreibt über die Schönheit plattdeutsche Gedichte] [...] Und ist es nicht wirklich so? Höre ich noch Manchen fragen. Sind plattdeutsche Gedichte etwas so Neues und unerhörtes? Und nun gar uns Volksschullehrern – was können sie uns Großes bringen? Vor allen Dingen sind diese Gedichte – Gedichte, wirkliche Poesie. [...] Uebrigens ist die reinigende und erhebende Kraft der Poesie so groß, daß der Quickborn [eine plattdeutsche Gedichtesammlung von Klaus Groth] bei denen, welchen seine Sprache Muttersprache ist und die sich aufrichtig ihm hingeben, nur selten seine Wirkung verfehlen wird. [...] Die ganze verborgene Herrlichkeit unserer [plattdeutschen] Sprache, unseres Natur und Volkslebens hat er enthüllt und uns nahe gebracht. [...] Endlich die Sprache. Keinem wird es so schwer, den heimatlichen Dialekt, die eigentliche Muttersprache, recht kennen, schätzen und lieben zu lernen, wie dem holsteinischen Volksschullehrer; sie erscheint ihm gar leicht als bloße Last und großes Hemmniß seines Wirkens. Im Quickborn nun tritt sie zu uns in ihrer Reinheit, Schönheit, Kraft und Milde, zeigt uns ihren ganzen Reichthum und läßt uns ahnen, welchen Beistand gerade sie uns gewähren kann bei unserem Werke, die Kinder des Volkes naturgemäß zu bilden, welchen Schatz wir als Lehrer an ihr haben, sobald es uns gelingt, ihn zu heben und flüssig zu machen.

No 5, 3.11.1860, S.17 ff.
Ein Wort über die Orthographie, zur Verständigung über die plattdeutsche.
Von Dr. Klaus Groth [...] Jene Versuche [Dialekte in ein genaueres sichtbares Bild der gesprochenen Sprache zu liefern] haben sich vervielfältigt seit der plattdeutschen Bewegung, sie haben öfter wirkliche Schriftmonstra erzeugt, z. B. in der kunterbunten Zeitschrift von Formann „Deutschlands Mundarten“. Damit hat man auch der plattdeutschen Orthographie sehr geschadet. [...] Die Lautschrift bleibt als solche immer unvollkommen, ja sie ist unvermerkt zugleich immer Wortschrift, Bilderschrift, Hieroglyphe. Auch dies ist wichtig nicht zu verkennen, damit man eine Orthographie keine unmöglichen Forderungen mache. [...] Die Vollkommene Lautschrift ist nur scheinbar vollkommen. Was nützt es denn, daß der Rock ihr fester um den Leib sitzt? Der Sprache nützt es gar nicht. Das es besser aussieht? Eine Sprache soll nicht gesehen, sondern gehört werden. Die deutsche Sprache wird um kein Haar besser, wenn ihre Orthographie genauer wird. [...] Jedenfalls ist unsere deutsche Orthographie einmal als Lautschrift eine historische Nothwendigkeit, und so müssen wir sie nolens volens hinnehmen. [...] Wer sie daher aus Rücksicht wissenschaftlicher Consequenzen obenan stellen will, dem widerspreche ich nicht weiter. Uns sollten diese Betrachtungen nur dienen, um für die Plattdeutsche Rechtschreibung und deren Beurtheilung einige feste Punkte zu gewinnen. (Schluß folgt)
No 6, 10.11.1860, S.21 ff.
Ein Wort über Orthographie, zur Verständigung über die plattdeutsche.
Von Dr. Klaus Groth [...]
Jetzt    verlangen    Unwissende und    Halbwissende das Unmögliche. Unvollkommenheiten, die nothwendig in der Sache liegen, schieben sie in diesem Unternehmen zu für das Plattdeutsche eine feste Schrift zu gewinnen, oder gar der Sprache selbst, die es gilt. Es steht mit dem hochdeutschen keineswegs viel besser, weder was die Gleichwärtigkeit der Systeme betrifft [...]. [...] die plattdeutsche Orthographie ist auch eine Mischung von Wort= und Lautschrift, und es ist schon zu vermuten, daß es hauptsächlich zwei Richtungen geben wird, ja nachdem die eine oder die andere mehr hervortritt. In der mecklenburgischen herrscht bis jetzt die Lautschrift vor, [...], in der holsteinisch=bremischen die Wortschrift. [...] Für die mundartigen Eigenthümlichkeiten, die man vorbringen will, gibt es innerhalb des Systems Raum genug, und den Aburtheilenden wollen wir noch einmal zurufen, daß etwas Freiheit auch hier gar kein Unglück ist, vielmehr wieder eigenthümliche Vortheile mit sich bringt. Dahin rechne ich, daß sie uns etwas frei machen kann von dem Kleben und Haften am Buchstaben und der nutzlosen Buchstabenklauberei, wozu uns Deutsche unsere hochdeutsche Orthographie und unsere künstliche Grammatik so sehr verleitet. Für diplomatische Actenstücke, bei denen es auf den Buchstaben ankommt, um Mißverstand und Streit zu verhüten, wird die plattdeutsche Sprache hoffentlich nicht wiederverwendet werden, und so mag ihr kunterbuntes Gewand mit freiem Schnitt dazu dienen, auch dem ungelehrten Leser etwas von der inneren Freiheit zu geben, die er im hochdeutschen nicht bekommt, die z. B. der Historiker sich bedarf und sich erwerben muß, wenn er deutsche Documente und Schriften verschiedener Zeiten und Räume ohne Trübung durch ihr vielfarbiges Kleid lesen und nutzen will. [...]

No 23, 9.3.1861, S. 89 f.
Beitrag vom Barkauer Lehrerverein zur Würdigung des Entwurfs einer neuen Schulordnung für das Herzogthum Holsteinischen [Eine allgemeine Bestimmung für die Ordnung des Unterrichts] [...] Die Unterrichtsgegenstände, welche bleibend auf der Lectionstabelle mancher Volksschule vorkommen müssen, sind der Wichtigkeit nach geordnet, folgende: Unterricht in der hochdeutschen Sprache, Geographie, Weltgeschichte, Naturlehre, Naturgeschichte und Geometrie. [Der Unterricht in der plattdeutschen Sprache – also in der Muttersprache – wird hier nicht erwähnt.]

No 45, 10.8.1861, S.177 ff.
Dückers Aufgabe
[Aufsatz über den Sprach und Rechenunterricht] Der Sprachunterricht in der Volksschule, wie auch der Rechenunterricht, haben von jeher die meisten Bearbeiter gefunden. [Dücker hat es mit dem Sprachunterricht versucht und scheinbar am meisten Anklang in der holsteinischen Lehrerwelt gefunden] [...] In der Meinung, daß am Sprachunterricht noch Manches zu bessern, daß indes Dücker einen guten Anfang gemacht hat, wollen wir nicht unterlassen, unsere Ausstellungen unpartheiisch darzulegen, überzeugt, daß Dücker eine unpartheiische, wenn auch vielleicht verfehlte Kritik seines Buches nicht übel vermerken und der geneigte Leser sich gern bereit finden lassen wird, einmal wieder eine methodische Excursion mit uns zu machen. Sprach= und Rechenunterricht sind gewiß die beiden Discipline, welche die meiste Zeit in der Schule in Anspruch nehmen und welche auch von den Eltern am sorgfältigsten überwacht werden. Der Sprachunterricht findet ein bedenkliches Hinderniß theils in dem von der hochdeutschen Mundart abweichenden Dialecte [plattdeutsch] und theils in dem Umstande, daß sich in der Sprache noch nicht so feste und allgemein anerkannte und erkannte Gesetzte gebildet haben, als die mathematischen Gesetze. [...] Deßhalb fängt er [Dücker] gewöhnlich seine Stunden mit Aufsätzen an, läßt diese nachbilden, um daraus im Anschluß an die plattdeutschen Stücke die Regel – des Grammatischen – zu configuriren, um dann nach dieser Regel ähnliche Ausarbeitungen zu machen.

No 20, 15.2.1862, S.189 ff.
Ueber Aufsatzbildung und Sprachunterricht
von J. Fr. Dücker (Fortsetzung) [Stellungnahme zu einem vorherigen Aufsatz und eine kurze Einführung in den Vergleich des Hochdeutschen und des Plattdeutschen] [...]
1.    Matten Has ́= Martin Hase. Im Hochdeutschen hat diese Ueberschrift vier Silben, im Plattdeutschen hört man nur zwei Silben deutlich; denn das en im ersten Wort wird bei der Aussprache fast ganz verschluckt. Die plattdeutsche Sprache hat eine große Vorliebe für einsilbige Wörter, ist daher meistens kürzer und kräftiger als die hochdeutsche. 2.    De Has ́de mak = der hase machte. Im plattdeutschen wiederholt man oft das Geschlechtswort nach dem Dingwort. [...] 3.    mak = machte. Im Plattd. ist der Vocal lang, im hochd. Kurz; das k verwandelt sich in ch. [...]
[Die Aufgaben zeigen, wie präsent das Plattdeutsche noch ist]

No 47, 28.8.1862, S. 190
Die Versammlung des allgemeinen holsteinischen Lehrervereins in Wilster am 29.7.1862 Vorschläge [...]
Wer zu einem ordentlichen Lesen angeleitet werden soll, dem muß eine genaue, sichere Kunde und eine gewisse Geläufigkeit in dem mündlichen und schriftlichen Gebrauche unserer Hochdeutschen Schriftsprache beigebracht werden, er muß also 3)    richtig hochdeutsch Sprechen und 4) leserlich, einigermaßen geläufig und correct schreiben lernen. Dies sind also zwei wichtige Dinge, die auch unsere gewöhnliche niedere Volks= schule lehren muß. [...]

No. 15, 10. 1. 1862, S. 69 f.
Ein Wort über den Sprachunterricht.
[...] Die von mir gegen die große Majorität der Lehrerversammlung [Meldorf 1859] versuchte Vertheidigung des Plattdeutschen sollte keineswegs bloß ein Scherz sein. Es war damals und ist heute noch meine feste, ernste Ueberzeugung, daß eine systematisch fortgehende, vergleichende Benutzung der plattdeutschen Sprache unserem Sprachunterricht förderlich sein müsse. Ich kann noch jetzt nicht einsehen, daß eine Thätigkeit, die, gelegentlich geübt, irgend einen bestimmten Zweck fördert, wenn sie systematisch geregelt und geordnet worden ist, das Gegentheil wirken soll; ich meine, wenn sie in jedem Fall förderlich ist, so in diesem nicht mehr. So steht ́s mit jeder Thätigkeit, und mit der Benutzung des Plattdeutschen sollt ́s anders sein? [...] [Der Verfasser kommt auf eine Kritik eines Herrn Kellner gegen Herrn Burgwardt (s.o.) zu sprechen – Burgwardt hat ein Werk über den Sprachunterricht in der Schule verfasst, mit Berükksichtigung der plattdeutschen Sprache] So sagt er [Kellner] z. B. über die zweite Abtheilung der Grundlage und Aufgaben zur Uebung im Hochdeutschen, eine hochdeutsche Sprachlehre für Niederdeutsche – wo B. [Burgwardt] ja bekanntlich die vergleichende Benutzung des Plattdeutschen practisch zu zeigen versucht - „Merkwürdiger Weise hat sich das Plattdeutsche nur äußerst vereinzelnd einfinden dürfen, und wir verlieren es auf dem langen Wege des grammatischen Einmaleins voll= ständig aus dem Auge, um es erst im 10. Abschnitte, d. h. vor der Thür wieder zu finden [...]“ Wer dagegen selbst die Schrift ansieht, findet das Plattdeutsche berücksichtigt, wo es nur „zur Beleuchtung der hochdeutschen Formen und Erklärungen so vieler Fehler, welche auf Grund des Plattdeutschen so leicht gemacht werden“ dienen könnte [...].
Ich wenigstens bin darum auch bis dato noch nicht in meiner Ueberzeugung wankend geworden, daß ein Sprachunterricht mit systematischer, vergleichender Benutzung des Plattdeutschen dem Zweck des Sprachunterrichts förderlich sein müsse, nur vor dem Uebermaß muß man sich hier, wie in allen Dingen hüten. Das aber wird auch Niemand Herrn Burgwardt nachsagen können, daß er glaube, in seinem vorgelegten Uebungsstoff und schon allen Seiten hin das Richtige getroffen zu haben. Er hat einen Versuch machen wollen, und dafür sollte man ihm dankbar sein. [Die Vereinigung des hochdeutsch und plattdeutschenn Unterrichts scheint sehr konfliktreich und schwer zu sein] Wenn aber zugegeben werden muß, daß ein vergleichender Sprachunterricht überall herrliche Erfolge zeigt, wenn ferner nicht geleugnet werden kann, daß das Plattdeutsche, sowohl was die Lautverhältnisse betrifft, als auch in grammatischer und syntactischer Beziehung bedeutende Verschiedenheiten von der hochdeutschen Büchersprache zeigt [siehe zum Beispiel die Aufgabe Dückers]: so begreife ich nicht, wie man hier einen vergleichenden Sprachunterricht für schädlich halten kann. Auf die Größe der Abweichung der beiden betreffenden Sprachen kann ́s doch nicht ankommen; wo, d. h. bei welchem Grade der Verschiedenheit sollte sonst das Schädliche aufhören und der Nutzen anfangen? Genug, es ist eine nicht unbedeutende Verschiedenheit zwischen Hochdeutsch und Plattdeutsch vorhanden, darum muß ein vergleichender Sprachunterricht hier ähnliche Früchte tragen, wie bei der Erlernung jeder fremden Sprache, wenn auch vielleicht in einem etwas geringeren Grade, während man hier eine 10jährige Ernte erzielt, muß man dort vielleicht mit einer 3 – 4fältigen zufrieden sein.

No 27, 4.4.1863, S. 129 ff.
Fibel oder der erste Lesestoff in methodischer Ordnung
[...] Der Stoff, woran das Lesen erlernt werden soll, muß aus der hochdeutschen Sprache hergenommen werden. [...] Wer Hochdeutsch lies`t, lies`t damit noch kein Plattdeutsch, kein Englisch, kein Französisch. Jeder dieser Sprachen hat ihre qualitativ verschiedenen Laute und auch ihre verschiedenen Lautbezeichnungen. Ich beschränke mich hier auf den Vergleich zwischen Plattdeutsch und Hochdeutsch. Einen Laut wie das plattdeutsche a in Har und Jar, das plattdeutsche e in het und wet, plattdeutsch ae in gaehn und Baehn hat die hochdeutsche Sprache garnicht. Schon aus diesem Grunde habe ich die plattdeutschen Wörter aus meiner Fibel weglassen müssen. Denn sollen die Kinder diese Wörter als plattdeutsche lesen, so müssen sie dieselben beim bloßen Ansehen schon als solche erkennen können – und das ist ihnen nicht zuzumuten - sollen sie die Laute aber als der hochdeutschen Sprache angehörige aussprechen, so ist es eben kein Plattdeutsch mehr. Vergleichende Lautkunde will ich aber mit den ABC=Schützen nicht treiben, weil es ihnen an dem hierzu nöthigen Bedürfniß und geistigen Fond fehlt; andererseits will ich aber hiermit ausgerüstete Kinder nicht mehr als ABC=Schützen haben; und somit können mir die plattdeutschen Wörter zwischen den hochdeutschen keinen anderen Dienst leisten, als die Schüler hinsichtlich der Laute confus machen – und für diesen Dienst danke ich. Demgemäß habe ich ein paar plattdeutsche Wörter, die in den neueren Ausgaben der Eckernförder Fibel vorkommen, durchstrichen. Dies ist jedoch nicht der größte Uebelstand, den eine Abweichung von dem Princip, den Lesestoff nur aus der hochdeutschen Sprache herzunehmen, mit sich bringt. Dieser zeigt sich erst dann recht, wenn wir Acht geben auf die Regeln, welche die hochdeutsche Sprache bei ihrer Lautbezeichnung befolgt. Die Mittel der Lautbezeichnung sind im Allgemeinen die Buchstaben, und zwar hiebei an 1) auf die Gestalt derselben und 2) auf ihre Stellung zu einander [...]

No 34, 23.5 1863, S. 163
Bericht über die Wirksamkeit der Neumünsterschen Lehrerconferenz in der verflossenen 25 Jahren [zu einer Lehrerconferenz in Wittdorf in Wellingrade] In dieser Conferenz herrschte ein hoher Ton. Plattdeutsch wurde nie gesprochen, und im hochdeutschen wurde jeder Sprachfehler bemerkt, und mußte verbessert werden. Ich kam dabei nicht gut weg, harmonirte auch nicht mit den Ansichten der Anderen in Religionsfragen. Allein konnte ich die Angriffe, die von allen Seiten gegen mich gerichtet wurden, nicht abwehren, und ich sah mich deshalb nach Hülfe um, denn austreten wollte ich doch nicht wieder. Ich ging deshalb zu Brandt in Gadeland und forderte ihn auf, mitzukommen. Er war auch gleich dazu bereit, und erschien in der nächsten Versammlung. Mit dessen Erscheinen schlug es anders um, denn er bekümmerte sich nicht um die Kritik, sondern sprach bald plattdeutsch, bald hochdeutsch, wie es ihm einfiel, und mit den Verbesserungen der Sprachfehler war es zu Ende. [...]

 

 

3. Fazit [von Jenny Irmscher]

 

In den ausgewählten Artikeln der Schulzeitung für die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg lässt sich deutlich ein Konflikt zwischen der hochdeutschen Sprache und des Plattdeutschen erkennen. Die hochdeutsche Sprache ist die Schriftsprache und muss daher erlernt werden. Allerdings fordern die Lehrer, die niederdeutsche Mundart zu berücksichtigen, was zeigt, dass das Plattdeutsche nicht komplett von der hochdeutschen Sprache verdrängt wurde. Das Plattdeutsche ist die Muttersprache und somit die Sprache, welche die Kinder zuerst erlernen. Es ist somit Basis des Unterrichts und Grundstein, um andere Sprachen zu erlernen. Dazu zählt die hochdeutsche Sprache genauso wie Fremdsprachen. Die niederdeutsche Sprache wird keineswegs abgewertet. Allerdings ist den Volksschullehrern durchaus bewusst, dass die Kinder ab einem bestimmten Alter die hochdeutsche Sprache richtig erlernen müssen. Die Kinder müssen lernen, richtig hochdeutsch zu lesen, zu schreiben und zu sprechen, denn nur so haben sie auch eine Zukunft in der Gesellschaft - da Hochdeutsch in Wirtschaft und Politik die dominante Sprache ist. Dennoch soll das Plattdeutsche nicht vernachlässigt werden, denn die Kinder haben ihre Wurzeln in dieser Sprache und somit auch eine Identität.